Objekt des Monats Oktober 2021 - Wandbehang „Die Hoffnung“ von Lydia Jungmann



Wandbehang "Die Hoffnung" von Lydia Jungmann

 

Der 100 cm hohe und 124 cm breite Wandbehang mit dem Titel „Die Hoffnung“ wurde im Jahre 1948 von der Bildstickerin Lydia Jungmann gefertigt.

Die Stickerei ist sehr aufwändig in vielen verschiedenen Techniken wie Webstich, Kettenstich, Hexenstich, Plattstich sowie in Anlegetechnik auf ursprünglich intensiv braunrotem Seidensamt ausgeführt. Durch Lichteinwirkung ist der Untergrund jetzt allerdings lachsrosa. Die Rückseite ist mit Seide gefüttert.

Der äußere Bereich des Wandbehangs ist, wie ein Rahmen um die zentrale Darstellung, in dunklen Farben gestickt. Hier hat Lydia Jungmann verschiedene Schreckensereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg festgehalten. So sind oben links Häftlinge in einem Konzentrationslager hinter Stacheldraht zu sehen. Darunter steht geschrieben „Tyrannis“. Rechts oben liegen Kranke unter freiem Himmel vor einem überfüllten Krankenhaus. Darunter ist die Beschriftung „Seuchen“. Am rechten Bildrand stehen Menschen vor einem Laden an. Da es dort kaum etwas Essbares zu kaufen gibt, sieht man ein Paar zum Hamstern zu Bauern aufs Land gehen. Daneben ist „Hunger“ zu lesen. Unten rechts sind verdorrte Bäume zu sehen mit der Beschriftung "Dürre". Am unteren Bildrand ist ein Flüchtlingstreck dargestellt, daneben der Schriftzug "Flüchtlinge". Unten links ist eine Überschwemmung zu sehen mit der Beschriftung "Wasser". Am linken Bildrand ist der Krieg abgebildet, Flugzeuge schießen Häuser in Brand und Menschen flüchten aus ihrem brennenden Zuhause. Die Beschriftung „Krieg“ verdeutlicht die Szene. Im Gegensatz zu diesen furchtbaren Schrecken des Krieges ist in der Mitte des Wandbehangs als zentrales Motiv in hellen Farben und vielen Goldtönen das blühende Leben dargestellt. In der Mitte steht eine schwangere junge Frau. Sie ist umgeben von springenden Lämmern, Pferden mit ihren Fohlen und vielen blühenden Blumen. Man erkennt ein Vogelnest und Enten, darüber ein Haus mit Garten. In der Mitte des Wandbehanges ist alles positiv und lebendig. Rechts oben, etwas von der Mitte versetzt, ist die Sonne mit dem Symbol Gottes zu sehen. Die Sonnenstrahlen erfassen die schwangere Frau, die Tiere und Pflanzen in der Bildmitte. Auf einer gestickten Schriftrolle, etwas unauffällig oben auf dem Wandbehang, ist als Überschrift zu lesen: “Über Trümmer und Not strahlt Hoffnung aus Gott!“ Der Wandbehang ist unten rechts signiert „LJ 1948“und trägt den Titel „Die Hoffnung“. Dieses Thema wird beeindruckend verdeutlicht. Egal wie schlimm die Ereignisse auch sind, es besteht immer Hoffnung auf Besserung.

Die Bildstickerin Lydia Jungmann wurde 1898 in Merzig an der Saar geboren. Ab 1934 hatte sie eine eigene Werkstatt in Essen. Im Jahr 1943 wurde sie ausgebombt und lebte bis nach dem Krieg auf Schloss Raesfeld im Westmünsterland. Sie arbeitete gegen Naturalien für die Bauern der Umgebung. Vor diesem Hintergrund ist diese Arbeit zu sehen. Nach dem Krieg waren die Materialien schwer zu beschaffen und trotzdem wurde diese Stickerei 1948 aus kostbaren Stoffen und Garnen gefertigt. Später zog Lydia Jungmann wieder nach Essen und anschließend nach Köln, wo sie ebenfalls ein eigenes Atelier hatte.1970 starb die Künstlerin in Köln.

Der Wandbehang zierte zunächst in Borken den Rathaussaal. Später hing er im Dienstzimmer des Oberkreisdirektors in Borken. Im Jahr 1986 kam er in die Sammlung des Kreismuseums und wurde unter der Nummer HM-6693 inventarisiert. Hier war er, lichtgeschützt im Untergeschoss, Teil der Dauerausstellung des Hamaland-Museums.

2015 wurde der Wandbehang durch eine Textilrestauratorin gesichert.

Vom 17. September 2021 bis zum 30. Januar 2022 ist er im partizipativen Ausstellungsprojekt „Krisensicher“ im kult zu sehen.

 

Text :
Martina Volmer

Bild: Sabine Heitmeyer-Löns